Vom Grenzschützer zum Global Player - Gerhard W. Süß macht andré Werbung

Am Anfang stand eine Idee.: Werbung an Einkaufswagen. "Wir waren damals nicht die ersten, die auf diese Idee kamen", gesteht Gerhard W. Süß im Interview. Aber der heutige Chef und Inhaber von andré Werbung und er einstige Gründer Klaus Grünling waren die ersten, die sie professionell umsetzten. Das begann 1982. Heute zählt die Firma mit Sitz in Regensburg 390 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von über 30 Millionen Euro.

Die Geschichte klingt beinahe wie jede häufig strapazierte Story, die mit dem Tellerwäscher beginnt und an dessen Ende das unvermeidliche Wort Millionär steht. Doch die spielt in Amerika, auf der anderen Seite des großen Teichs. Die deutsche Variante beginnt beim Bundesgrenzschutz im Oberpfälzer Wald, wo Ende der 70er Jahre ein Polizeihauptwachtmeister in Schwandorf seinen Dienst schiebt. Ein Mann mit sicherem Job und festem Einkommen, ein Beamter, den sein Dienstplan unter Bundeskanzler Helmut Schmidt nach Bonn verschlägt. "Das war kein Job mehr als Bayer unter Preußen", erzählt Gerhard W. Süß. Er kündigte "aus gesundheitlichen Gründen", wie er sagt. Der Erklärungsnotstand gegenüber seinem Vater läßt ihn noch heute ungläubig den Kopf schütteln.

Alles richtig gemacht.

Er hat dabei leicht lachen. Denn heute, gut ein Vierteljahrhundert später, vom runden Edelholz-Tisch seines 60 Quadratmeter-Büros aus betrachtet, hat er rückblickend gesehen alles richtig gemacht. Zum runden Jubiläum im letzten Jahr spendierte er sich und seiner Firma ein neues modernes Verwaltungsgebäude mit 1.200 Quadratmeter Fläche und eben jenem Büro, dass er sich ganz nach seinem Gusto einrichtete. Die teurer High-Tech-Audio-Anlage weist den Musikliebhaber aus. Regal aus massiven, dunkelbraunen Hölzern umspannen den Raum. Ein Tiger-Vorleger lenkt das Augenmerk auf eine bequeme Sitzgruppe. Bilder von Zebras hängen an den Wänden. Nebem dem Schreibtisch mit seinem kolonialen Charme wacht Hündin Julia im ledernen Hundesofa über sein Herrchen. Den braven, antikweißen Vierbeiner, eine Mischung zwischen Labrador und Golden Retriver, holter der Firmenchef aus dem Tierheim. Er ist seither sein treuer Begleiter.

Welch ein Aufstieg. Nach seinem kurzen Beamtendasein schulte Süß an den Eckert Schulen zum Industriekaufmann um und verdingte sich nebenbei als Aushilfs-Gärtner mit Rasenmäher und Baumschere. Mitte 1981 begann er als Teakholztüren-Verkäufer für den Regensburger Sushi-Pionier und Rolling Stones-Tourbegleiter Dieter Schöbel.

Klaus Grünling, der 1979 an der Regensburger Uni sein BWL-Studium aufgenommen hatte, versilberte unterdessen bereits die ersten Ideen seiner künftigen Werbeagentur. Zu den ersten Werbe-Aufklebern von Kneipen gesellte sich der Regensburger Veranstaltungskalender "wer,wann,wo", dann ein kleines Magazin namens "Ein Herz für Tiere", das später der Gong-Verlag aufkaufte. "Eines Tages" stieß Grünling auf die Idee, mit der Werbung auf Einkaufswägen, erinnert sich Süß, an die Anfänge der Kneipenbekanntschaft mit Grünling. "Wir sind nicht die Erfinder dieser Idee", gesteht er gleichzeitig ein. Man sei auf Vorläufer dieser Marketingstrategie "jenseits des großen Teichs" gestoßen und habe sie nach Deutschland importiert. 30 x 30 Zentimeter große Polystyrol-Platten mit Firmenwerbung drauf und an Einkaufswagen angebracht - auf diese Idee baute Grünling seine Werbeagentur auf, taufte sie nach seinem zweiten Vornamen "André" und holte sich Gerhard Süß als Geschäftsführer der Zwei-Mann-Werbeagentur ins Boot.

Vom "Dachkammerl" zum modernen Office-Gebäude

"Es war ein Start in einem Dachkammerl in Königswiesen, mit Gehalt nach Umsatz". Anfangs waren die Werbetafeln nur einseitig bedruckt, später zweiseitig. In den Anfängen war bei dieser Version der Werbeaufdruck an der Vorderseite durch das Gitter des Einkaufswagens halb verdeckt. "Uns blieb nichts anderes übrig, als diesen unglücklichen Umstand als zusätzlichen Werbegag zu verkaufen", sagt Süß. Der Begriff "Gittereffekt" lässt ihn noch heute schmunzeln. In Pentling und in der Donaustaufer Straße in Regensburg rollten 1982 die ersten fahrbaren Einkaufskörbe mit andré-Werbung durch die beiden damaligen "Meister"-Einkaufsmärkte (heute real,-). Ihre Anbringung war Chefsache. Von Kabelbindern und blutigen Fingern erzählt Süß aus jeder Zeit Anfang der 80er Jahre, aber auch vom schnellen Aufstieg der Firma. Weil die Werbung auf Einkaufswägen an sich nicht patentierbar war, ließ man sich die "technische Anbringung zweier Polystyrol-Platten mittels Kabelbinder an Einkaufswägen" schützen. Verkauft habe man das nach außen natürlich als Patent auf die Idee, sagt Süß. An die Exklusivverträge mit den Meister-Märkten schlossen sich schnell Verträge mit den großen Lebensmittelketten an: Edeka, Kaufland, Lidl und viele weitere folgten. Der Firmensteckbrief weist heute 16.000 zur Verfügung stehende Supermärkte mit 1,8 Millionen mit Werbung belegbaren Einkaufswägen aus. Damals verlangte der Handel schnell nach regionaler Expansion des Geschäftsfeldes. "Geld für Filialen war nicht", sagt Süß. Also blieb nur die Möglichkeit, Lizenzen zu verkaufen. Der erste Lizenznehmer ging 1984 in Heilbronn an den Start. 24 weitere folgten. Das Eintrittskapital von 30.000 Mark füllte den Säckel der jungen Regensburger Agentur. "Plötzlich waren drei-, vierhunderttausend Mark in der Kasse", genug für das erste 200 Quadratmeter große Firmengebäude in Haslbach. Inzwischen sind 2.500 Quadratmeter daraus geworden und Gerhard W. Süß ist nicht mehr Geschäftsführer, sondern Inhaber der Firma. 1990 kaufte er das bis dahin von Klaus Grünling als Einzelfirma geführte Unternehmen im Rahmen eines Management-Buy-Outs ab. Eigentlich hatte er mit Klaus Grünling damals nur über eine Beteiligung an der Firma, die er maßgeblich mit aufgebaut hatte, verhandeln wollen. Auf eine Beteiligung habe sich Grünling aber nicht einlassen wollen, dafür bot er gleich die gesamte Firma zur Übernahme an. "Bei der dritten Halbe im Hofbräuhaus habe man den Kauf bzw. Verkauf besiegelt. Es ist kaum anzunehmen, dass die Betreiber der Regensburger Kultgaststätte damals ahnten, welche Umsätze an diesem Abend über ihre Biertische flossen.

"Expansion 2000"

Während sich Grünling bei dem Geschäftsdeal noch weitsichtig für die General-Lizenz für die damalige DDR  sicherte und bereits kurz vor der Wiedervereinigung dort fünf Partnerunternehmen gründete, finanzierte Süß den Kauf der Agentur mit Risikokapital. Wenn er rekapituliert, fallen ihm die 12,5 Prozent Zinsen ein, die harten Jahre und der Bilanzverlust, den sie ihm bis 1999 bescherten. Die Stimme hebt sich deutlich, wenn er vom neuen Jahrtausend spricht und von seinem selbst ausgerufenen Slogan "Expansion 2000". Der steht bei andré für einen beinahe exponentiellen Umsatzschub. Von sieben Millionen Mark in 1999 kletterte der erwirtschaftete Betrag auf rund 26 Millionen Euro im Jahr 2007. Geschäftserweiterungen in Spanien, Österreich, Ungarn, Russland, Polen kamen hinzu. Eishockey-Legende Jiri Lala betreut das Geschäft in Tschechien. Seit 1. Januar gibt es andré Italia und soeben rollt die erste andré Werbung auf Einkaufswägen druch Kaufhäuser in Singapur. Insgesamt zählt der Firmenchef inzwischen 284.000 dieser unverzichtbaren rollenden Litfasssäulen, die neben dem individuellen täglichen Kundeneinkauf auch von ihm gestaltete Werbung transportieren.

Der Erfolg von andré Werbung basiert inzwischen nicht mehr einzig auf der Werbung an Einkaufswägen. "Die sind der Motor der Firma", sagt der 47-jährige Sohn einer Schneidermeisterin. Die neuen Cash-Poster, kleine Werbeständer an der Kassen, aber sind der Turbo, der die Firma, wenn es nach ihrem Besitzer geht, schon bald auf 10 Prozent Umsatzrendite beschleunigen soll.

Die Sprintdisziplin ist allerdings reine Firmensache, privat läuft Süß lieber mit konstanter Kraft auf der Halbmarathonstrecke, geht gerne auf Reisen und sagt von sich selbst: "Ich liebe Italien". Beim Rundgang durch das moderne Firmengebäude fällt eine äußerst edel gestaltete Küche auf. Er sei leidenschaftlicher Hobby-Koch an seinen geheiligten Wochenenden, erzählt er. Von denen dürfte er nach dem kurzen, zeitintensiven Intermezzo als Vorstand des SSV Jahn Regensburg von August 2005 bis April 2006 auf wieder einige mehr haben. In der Küche hält er es am liebsten italienisch und freut sich, wenn seine Thymian-Rippchen mit sardischer Kartoffelpfanne bei seiner Frau und den beiden Söhnen (22 und 20 Jahre) gut ankommen wie bei ihm selbst. "Ein schöner Rotwein dazu" - und die "Expansion 2000" kann weiter gehen. Wer weiß, vielleicht ja schon bald an der Börse.

Hanno Meier